Ist Mama jetzt im roten Bereich?

Wir haben nie einen Hehl daraus gemacht, unseren Kindern von der Krebserkrankung von Johanna zu erzählen. Im Sommer 2018, ich erinnere mich, saßen Johanna und ich bei schönstem Sonnenschein auf unserer Holzterasse im Garten. Auch wenn das Wetter eigentlich dazu einlud, den Tag zu genießen, waren unsere Gesprächsthemen alles andere als erfreulich.

Wir hatten uns vorgenommen, beiden Kindern an diesem Tag von der Erkrankung von Johanna zu erzählen. Was Krebs anrichten kann, wußten die Kinder bereits, denn einige Monate zuvor war mein Vater an Speiseröhrenkrebs verstorben. Sie sahen Opa einige Wochen vor seinem Tod und konnten sich verabschieden. Auch wenn das Verhältnis – aufgrund der Entfernung – zwischen den Kindern und Opa nie das Innigste war, so war er doch ihr Opa.

Es bricht mir fast das Herz

Ich übernahm eine der schwersten Aufgaben meines Lebens und erzählte erst Alina und wenig später Niklas von der Krebserkrankung ihrer Mutter. Wir haben viel zusammen geweint. Die Kinder haben Fragen gestellt, die wir möglichst kindgerecht – soweit das überhaupt geht – beantwortet haben.

Seit diesem Tag im Sommer sind einige Monate vergangen. Heute ist der 3. Advent, am 16. Dezember 2018. Der Tumor ist weiter gewachsen und beansprucht mittlerweile die gesamte Brust. Zusätzlich ist ein weiterer Tumor auf dem Primärtumor gewachsen und stößt durch die Haut. Die Lymphknoten in der Achsel und am Hals sind vergrößert und deutlich spürbar. Keine Therapie – bis auf die Nürnberger Wochen – hat Erfolg gezeigt.

Sind wir palliativ?

Vor einigen Tagen waren wir in der Uniklinik in Hamburg, in der uns die Ärztin abermals mit den Leitlinien konfrontierte. Sie tat dies jedoch sehr behutsam, machte aber deutlich klar, sollten die Lymphknoten über dem Schlüsselbein bereits infiltriert sein, nur noch eine palliative Behandlung in Frage kommt. Zum jetzigen Zeitpunkt an der Brust zu operieren, wäre sinnfrei, weil „man dem Krebs hinterher operieren würde“. Puh, das war deutlich. Sie empfiehlt dringend, jetzt eine Chemotherapie zu beginnen und hat auch gleich alle Therapeutika namentlich zur Hand: Epirubicin, Cyclophosphamid, Paclitaxel und Carboplatin. Aus ihrer Sicht beständen gute Chancen, den Tumor zu verkleinern, aber die Erkrankung ist jetzt wahrscheinlich keine lokale mehr, sondern eine systemische. Das bedeutet, dass sich wahrscheinlich schon Metastasen gebildet haben.

Aus logistischen Gründen vermittelt Sie uns weiter an die Uniklinik (UKSH) in Kiel. Ein Kollege von ihr, der jetzt in Hamburg arbeitet, war früher in Kiel und kennt den leitenden Professor. Es wurde über den kurzen Dienstweg ein schneller Termin vereinbart, morgen 17.12.2018.

Der Tumor geht auf

Als am 12.12.2018 die Haut über dem Tumor aufgeht und Gewebsflüssigkeit und Blut austritt, sind wir schon einen Tag später in Kiel. Nach mehreren Stunden Wartezeit in der gynokologischen Ambulanz, schickt man uns mit einer Handvoll Kompressen wieder nach Hause. Wir sollten schauen, dass die Wunde sauber bleibt.

Gestern war meine Tochter bei einer Klassenkameradin zum Geburtstag eingeladen. Auf dem Weg dorthin und später zurück nach Hause, haben wir über Mama gesprochen. Natürlich wollte sie wissen, warum wir in Kiel waren und morgen dort wieder hin müssen. Sie fragte mich, ob Mama jetzt eine Chemo macht. Wahrscheinlich schon, antwortete ich. Ob Mama denn im Krankenhaus bleiben müsse. Nein, es sind Infusionen bzw. Tabletten. Kann Mama von der Chemo sterben? Ja, MAN kann von einer Chemo auch sterben, antwortete ich diplomatisch.

Also, ist Mama jetzt im roten Bereich?

Ich weiß nicht, woher meine Tochter diese Sichtweise hat. Sie ist ja erst 10 Jahre alt. Auf der einen Seite bin ich auch stolz wie Oskar, auf der anderen Seite zieht mir diese Klarheit den Boden unter den Füssen weg.

Mögen noch viele 3. Adventstage für unsere 4-köpfige Familie vorgesehen sein. Und allen Lesern von Glueckskrebs. de wünsche ich ebenso einen friedlichen 3. Advent.

Ein Kommentar bei „Ist Mama jetzt im roten Bereich?“

  1. Mir verschlägt es die Sprache 😢😢😢was müsst ihr erleiden und haltet so zusammen. Nur gemeinsam kann eine Familie es tragen und Ehrlichkeit in solch einer Situation ist glaub ich das beste.
    Ich wünsche euch von ganzen Herzen das sich alles zum Guten wendet und ihr noch viele viele Gemeinsame und schöne Adventszeiten verbringen dürft.
    Herzlich Bianka

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