Ich wünsche Euch, dass ihr die Reise nicht machen müsst!

Wer unseren Blog von Zeit zu Zeit verfolgt, weiss, dass wir geplant haben, ab Januar 2020 für ein Jahr eine Auszeit zu nehmen und durch Europa zu reisen. Neben der Krankheit und Behandlung von Johanna, haben wir alle Hebel bewegt, um dieses Projekt angehen zu können. Der Antrag für die Schulbefreiung für beide Kinder wurde im ersten Anlauf genehmigt. Der Rentenbescheid für die Erwerbsminderungsrente wurde – befristet auf zwei Jahre – positiv beschieden. Ich habe einen wirklich zuverlässigen und tollen Mitarbeiter für meinen Shop gefunden, der in diesem „Projektjahr“ die Firma lenkt. Alle Zeichen zeigen also in die richtige Richtung. Und doch ist alles anders.

Strahlentherapie wird (erst einmal) ausgesetzt

Rückblick. Johanna hat Ihre Chemo nach 18 Zyklen abgeschlossen und alle auffälligen Lymphknoten sind auf Normalgröße zurückgegangen. Geplant war danach zusätzlich eine 6-wöchige, tägliche Strahlentherapie durchzuführen. Nach einem intensiven Gespräch über die Vor- und Nachteile mit der zuständigen Strahlenärztin, wurde diese erst einmal „ausgesetzt“. Die Ärztin konnte es verantworten, die ersten Untersuchungen zur Kontrolle im Oktober abzuwarten, um dann ggf. mit der Strahlentherapie zu beginnen. Der nächste Monat wird also in jedem Fall Tatsachen schaffen. Diese Zeit der Ungewissheit wird uns wohl die nächsten Jahre begleiten. Immer mit der Hoffnung, dass da kein neuer Krebs ist.

Nicht 3 sondern 53 Wochen sind zu planen

Und warum ist jetzt doch alles anders? Wer schon mal einen normalen Urlaub geplant hat, der weiß, dass da eine Menge dranhängt. Vor allem dann, wenn die 4-köpfige Familie mit Hund verreisen will. Da stellen sich Fragen wie, wann soll es losgehen, welches Reisemittel, wohin soll die Reise gehen, wie hoch ist das Budget, kann der Hund da mit hin und viele weitere Fragen. Wer ein Jahr planen will, muss die gleichen Fragen beantworten – nur eben nicht für 3 Wochen sondern für 53 Wochen! Ein krasser Unterschied und ein nicht zu unterschätzender Aufwand. Du fährst nicht einfach mal los – also ich nicht.

Planungszeit 2 Jahre

Ich habe mir viele Wochen die Nächte um die Ohren geschlagen, um Antworten auf die Fragen zu finden, abzuwägen, auszurechnen, umzuschmeißen und wieder von vorne zu beginnen. Für einen allein nicht machbar. Natürlich gab es punktuell auch Unterstützung von den Kindern und Johanna, die ebenfalls Ideen eingebracht und mit entschieden haben. Aber so ein Projekt planst du nicht mal eben „zwischendurch“ neben dem Alltag. In vielen Reiseberichten von anderen Familien sind Vorlaufzeiten von 1-2 Jahren angegeben und wir sollen das in einem halben Jahr schaffen?

Was sollen wir überhaupt im Ausland?

Dazu kommt, dass Niklas im neuen Schuljahr nach den Sommerferien gerne in seine neue Klasse geht und die Lehrer auch cool sind. Und überhaupt Papa: Was sollen wir da im Ausland überhaupt? Alina hingegen ist von der Idee immer noch überzeugt, ein Jahr die Schule auszusetzen. Selbst der Preis, nach einem Jahr das Schuljahr wiederholen zu müssen, „schreckt“ sie nicht ab. Mit diesen Tatsachen und der geringen Vorlaufzeit, geht es also nicht.

Warum überhaupt die Auszeit?

Verzweifelt habe ich einen sehr guten Freund angerufen und ihn gebeten, mir seine Sicht der Dinge zu sagen. Nicht das wir nicht schon vorher darüber gesprochen hatten, aber ich habe nie nach einer konkreten Meinung gefragt. Bei einem zwei Bier und einer Dose Erdnüssen Cashewnüssen, stellte er wiederholt die Frage nach dem „Warum“ für diese Reise. Na ja, das ist einfach. Für mehr gemeinsame Qualitätszeit mit der Familie, gepaart mit tollen Erlebnissen im europäischen Ausland. Außerdem Erholung nach dieser schweren Krankheitszeit. Und er fragt weiter. Was heißt denn Qualitätszeit genau? Das bedeutet gemeinsame Zeit mit der Familie, antwortete ich. Provokativ fragte er nach, ob das denn nur 2.000 km entfernt von Deutschland gehen würde. Hm, nein, das geht auch hier in Deutschland. Und was ist mit dem Wunsch von Niklas, weiter in die Schule gehen zu dürfen? Möchtest Du den einfach übergehen? Wie wäre es denn, gemeinsame Qualitätszeit ganz natürlich in Euren Alltag zu integrieren, fragte er mich. Jeder schreibt eine Liste von Dingen, die er mit der Familie gerne einmal machen möchte und danach wird abgestimmt. Und wenn dabei rauskommt, dass alle ein Wochenende auf dem Ponyhof reiten lernen, weil Alina das gerne möchte, dann wird das eben gemacht. Nicht das Alina sich das wünscht (zum Glück!), aber Qualitätszeit beginnt damit, sich zu 100% für den anderen und seine Wünsche zu interessieren und auch mal Dinge zu tun, die vielleicht nicht den eigenen Vorstellungen entsprechen. Wir haben noch über viele andere Details gesprochen und spät abends verabschiedete er mich mit den Worten:

Ich wünsche Euch, dass ihr die Reise nicht machen müsst.

Spontan fand ich die Idee toll und stellte sie zu Hause vor. Wie soll’s anders sein. Der Rest der Familie hat seine Liste fertig, nur ich nicht ;-). Die Quintessenz ist jedoch, dass nicht der ORT entscheidend für eine schöne, gemeinsame Zeit ist. Es zählt der Moment, sich bewußt die Zeit zu nehmen, zuzuhören und sich zu interessieren. Und was ist jetzt mit geplanten Auszeit? Reset. Wir versuchen jetzt bei unseren Überlegungen zu berücksichtigen, dass Niklas weiter in die Schule gehen möchte. Alina musste als Zweitgeborene immer hinten anstehen, u.a. weil Niklas in der Grundschulzeit unsere gesamte Aufmerksamkeit einforderte. Und die letzten 1,5 Jahre stand die Krankheit von Johanna im Vordergrund. Daher überlegen wir, Alina in einzelne Mutter-Tochter und Vater-Tochter-Projekte einzubinden. So würde sie die volle Aufmerksamkeit erhalten, die ihr in den letzten Jahren nicht zu Teil wurde. Ob das jetzt ein Städtetrip nach Dresden, Berlin oder Hamburg ist oder eine Sprachreise mit mir nach London, ist dabei fast egal. Es zählt die intensive, gemeinsame Zeit.

Imagine.

In dieser Konstellation schlagen wir mehrere Fliegen mit einer Klappe und der riesige Berg einer einjährigen Auszeit schmilzt auf Hügelgröße. Natürlich soll es auch gemeinsame Familienprojekte geben. Die verlegen wir dann auf 11 Wochen Ferienzeit. Im Moment finden wir diese Lösung sehr charmant. So stellt sich zum Beispiel nicht die Frage, wohin mit Charly, weil entweder Johanna oder ich zu Hause sind. Und in den Ferienzeiten kommt er mit oder wird bei Melli, in unserer Hundepension, untergebracht.

Auch könnte ich meine Arbeitskraft in meinem Geschäft wenigstens teilweise einsetzen und mein Mitarbeiter müsste nicht alles alleine machen. Wir haben diesen Plan noch nicht intensiv mit den Kindern besprochen, gehen aber davon aus, dass er auf Zustimmung stoßen wird.

Schon während ich diese Zeilen schreibe, muss ich immer an einen meiner Lieblingssongs von den Beatles denken. Imagine. An einer Stelle singt John Lennon: „Imagine all the people, living for today“.

2 Kommentare bei „Ich wünsche Euch, dass ihr die Reise nicht machen müsst!“

  1. Ich denke, egal was wie wann wo…..IHR seid immer gemeinsam und das finde ich wunderbar !!!

    1. Alexander Bänfer sagt: Antworten

      Hey Christina,
      Danke für dein Kommentar. Genau richtig. Der Ort ist nicht wichtig.
      Liebe Grüsse, Alex

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